Artikel teilen! Eindrücke von einer „abgeschlossenen Veranstaltung“: Livemusik für die Insassen einer deutschen Justizvollzugsanstalt. Das weckt ...
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Livemusik für die Insassen einer deutschen Justizvollzugsanstalt. Das weckt sicher in vielen Menschen Emotionen und wird sicher von manchen auch sehr negativ bewertet. Jeder hat natürlich das Recht einer eigenen Meinung, doch sollte man auch einmal gewisse Dinge hinterfragen. Haben wir nicht alle in unseren Köpfen ein Bild, wenn es um „Strafgefangene“ geht. Ich meine die Bösen sind da drin und wir Guten sind in Freiheit! Mag sein, aber im zweiten Gedankengang wissen wir, dass es leider nicht so ist. Es gibt fast wöchentlich Beispiele, dass man mit genügend Geld auf dem Konto oder einem hohen Bekanntheitsgrad in der Gesellschaft, natürlich vertreten von einer Horde der besten Rechtsanwälte, die man ja locker bezahlen kann, von den größten Schweinerein freigesprochen wird. Ich nenne keine Namen. Andererseits sind es die kleinen Dinge im Leben, die man täglich beobachten kann. Ich denke da an solche Dinge, die ich oft schon erlebt habe- Man steht auf dem Parkplatz des Einkaufscenters, da schlägt eine „Mutter“ ihr Kind wegen irgendwelcher Banalitäten und steigt anschließend in ein Auto ein, auf dem ein großer Aufkleber die Heckscheibe schmückt, auf dem steht „Todesstrafe für Kinderschänder“! Die Leute die in einer JVA sind, haben gegen Gesetze verstoßen und wurden deshalb, sicher zurecht, mit Freiheitsentzug bestraft. Sei es wegen irgendwelchen Drogendelikten oder weil sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Dies hat jetzt nicht viel mit dem Konzert zu tun, aber man sollte darüber mal nachdenken.
Viele stellen sich nun die Frage, warum spielt eine Band freiwillig in einer JVA. Bevor hier einige Leute anfangen irgendwelche Theorien zu dieser Aktion zu verbreiten, möchte ich gleich die Antwort geben die so einfach und banal ist, dass viele enttäuscht sein werden. Sie haben es NICHT getan, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Auch haben sie es NICHT des Geldes wegen getan, es gab nämlich keins. Sie haben es getan, weil sie es als Band einfach mal machen wollten. Wer unsere deutsche Bürokratie kennt, kann sich ungefähr vorstellen, welche Hürden da zu nehmen waren und so etwas tut man dann auch nicht aus einer Laune heraus oder um eine PR- Aktion zu starten. Wenn man billig in die Medien will, kann man das einfacher haben. Da braucht man ja heutzutage nur eine CD und ein geschnitzte Holzfigur an einen neuen Trainer einer uns bekannten Zweitligafussballmannschaft zu verschenken. Was ich eigentlich mit meinen langen Ausführungen sagen will, ist das man nicht immer versuchen sollte einen Grund hinter jeder Aktion zu suchen. Die Krippelkiefern waren schon immer eine Band, die polarisieren und nicht in den Mainstream passen. Und wenn diese Band für sich beschlossen hat, dass sie mal in einer JVA ein Konzert geben möchten, dann tun sie es eben, ohne darüber nachzudenken, ob es Ihnen jetzt nützt oder gar schadet.-
Wie kann man sich das ganze nun vorstellen. Das ganze Konzert war strikt auf eine Stunde beschränkt. Der Aufbau der Technik und der eigentliche Transport der selbigen dauerte länger als das eigentliche Konzert. Man schleppt ca. 900kg von Schleuse zu Schleuse innerhalb der JVA. Das heißt, erst wenn sich hinter einem eine Tür wieder geschlossen hat, kann die nächste geöffnet werden und man kann die Technik wieder 20m weitertransportieren. Immer unter Beobachtung von einem am Anfang doch sehr skeptisch hereinblickenden Personal. Die Anspannung war den Angestellten der JVA auch anzumerken, denn so etwas hatten sie auch noch nicht erlebt oder gar mitgemacht. Man kann sich sicher vorstellen, dass man auch Bedenken hatte, dass diese Aktion aus dem Ruder laufen könnte, weil man nicht genau wusste wie die Insassen reagieren würden. Das erklärt sicher auch die Anwesenheit der Gefängnispsychologin. Ohne große Reden spielten die Kiefern das erste Lied und von den 3 Etagen, auf denen die Insassen standen, gab es Beifall, der sich nach dem 2. Lied noch steigerte. Man konnte eine gewisse Erleichterung und Entspannung in den Gesichtern des Personals erkennen. Sicher haben die Insassen nicht alle Texte des erzgebirgischen Liedgutes verstanden, aber darum ging es auch nicht. Als letztes Lied wurde das „Klaanes Weihnachtslied“ gespielt. Der Text wurde natürlich etwas abgeändert, aber bei der Liedzeile „...dor Kurt hat heimlich ne Feil reigebracht“, konnte dann auch das Personal richtig laut Lachen. Wer hätte das gedacht? Tobender Applaus von den Insassen und dem zahlreichen Personal, waren der Dank für den sicher sehr kontrovers diskutiertem Auftritt der Krippelkiefern in der JVA Zwickau. Ich denke es war ein Test für beide Seiten. Ein Test für das Personal und ein Test für die Band, wie so eine Aktion bei den Insassen ankommt. Das die Krippelkiefern überzeugt haben, zeigte sich auch nach dem Konzert. Der stellvertretende Anstaltsdirektor, lies es nicht nehmen beim heraustragen der Technik mit anzupacken und verabschiedete jedes Bandmitglied mit Handschlag und den Worten „Auf Wiedersehen“. Was immer er damit gemeint hat, es klang nett. Sicher wird jeder seine eigene Meinung zu diesem besonderen Konzert der Kiefern haben. Das ist auch in Ordnung. Aber ich kann hier sagen, dass ich die Band nach einem Konzert selten so nachdenklich aber mit funkelnden Augen und Stolz gesehen habe. Sie haben zusammen alle bürokratischen Hürden genommen, um als Band diese Aktion möglich zu machen. Das wollten sie und das haben sie geschafft. So etwas schweißt zusammen und ich darf hier auch verraten, dass der Chef des Gefangenenhilfeverein Sachsen, der natürlich auch vor Ort war, tief beeindruckt war und gern eine Wiederholung in anderen Anstalten Sachsens für möglich hält. Das Eis ist gebrochen und wenn es eine Musikbande aus dem Erzgebirge gibt, die eine „Gefängnistour“ macht, dann kann die nach meinen Erfahrungen nur „De Krippelkiefern“ heißen. Wie gesagt das sind hier meine Gedanken und spiegeln nicht die Meinung der Band wieder.
Dor Harti